Das Makeup und die Würde der Frau

Die Zeiten, in denen Frauen nur gefallen müssen, sind vorbei. Zuviel ist passiert: #Metoo und der Fall Weinstein, Brett Kavanaugh und Dr. Christine Blasey Ford, die in einer öffentlichen Anhörung mutig, ruhig und sachlich über ihren in der Jugendzeit erlittenen sexuellen Übergriff durch Kavanaugh spricht.

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Dr. Christine Blasey Ford  / Quelle: elle.com

Blasey Ford trug bei ihrer Anhörung ein dunkelblaues Ensemble, war dezent geschminkt. Sie strahlte im Gegensatz zum offensiven, beleidigenden und hitzigen Brett Kavanaugh Ruhe, Glaubwürdigkeit und Klarheit aus. Dieser Look signalisiert: „Ja, ich war Opfer von Gewalt.“ und „Ich bin hier. Ich werde gehört werden. Von allen.“

Es reicht. Frauen kommen aus der Verdeckung, sie scheuen weder mediale Backlashes noch scheuen sie sich davor, mehr zu verlangen, mehr zu sein. Sie selbst zu sein. Ist das so neu? Female Empowerment ist chic, jedes große Unternehmen schreibt es sich auf die Flagge, seit Sheryl Sandberg mit „Lean In“ die Welt aufgerüttelt hat.

Aber wie neu ist es wirklich und was steckt dahinter?

Quecksilbersulfid, Bleiweiß und Essig – das Makeup einer Königin

Im Jahr 1586 erklärte Königin Elisabeth I. von England:

„We princes, I tell you, are set on stages in the sight and view of all the world duly observed; the eyes of many behold our actions, a spot is soon spied in our garments; a blemish noted quickly in our doings.”

„Wir Prinzen, ich sage Euch, stehen auf einer Bühne, entblößt vor der ganzen Welt, die uns gebührend beobachtet ; die Augen von vielen schauen auf unsere Handlungen, mal wird ein Fleck auf unseren Kleidern bemerkt; und dann sehr schnell ein Makel in unserem Handeln.“)
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Elisabeth I. / Quelle: Wikipedia

Königin Elisabeth I. repräsentierte Stärke, Entscheidungskraft und Führung. Sie kultivierte in Kleidung und Make-up eine Aura, die heute als „flawless“ bezeichnet würde. Ihre Zofen brachten Stunden damit zu, ihr von den Pocken verunstaltetes Gesicht mit dem Make-up jener Zeit herzurichten. Das Gesicht der Königin sollte bis in ihr hohes Alter rein, porzellangleich und jugendlich wirken. Sie konnte und wollte sich nicht die Blöße geben, mit Pockennarben vor die Öffentlichkeit zu treten. Verständlich.

Aber auch gefährlich: denn ihr Lippenrot bestand aus giftigem Quecksilbersulfid und  ihre Foundation war eine übelriechende Mischung aus Bleiweiß und Essig. Um ihr makelloses Bild aufrecht zu erhalten, nahm sie es in Kauf, dass diese giftigen Substanzen ihren Körper langsam zersetzten: sie erlitt Bleivergiftungen, hatte Gleichgewichtsstörungen, kämpfte mit Gedächtnisverlust und eingeschränktem Sprechvermögen. Dies geschah nicht ausschließlich im Namen ihrer Schönheit, sondern im Namen ihrer Würde.

Fast Forward ins 20. Jahrhundert: Lippenstift gegen Kriegsgräuel

Quelle: suhrkamp.de

Für ihr Buch „Ein Hauch von Lippenstift für die Würde“ interviewte Henriette Schroeder 22 Frauen, die über die Wichtigkeit von Kleidung und insbesondere Make-up in Ausnahmesituationen wie Krieg, Flucht und Verfolgung berichten. Sie erzählt unter anderem von Senka Kurtovic, einer Journalistin, die im Bosnien der 1990er Jahre geschminkt und in Pumps durch die berüchtigte Sniper-Alley Sarajevos zu ihrem Arbeitsplatz ging. Warum sie das tat?

 

 

„Schminken war Pflicht, jedes Mal so, als ob es das letzte Mal sein würde.“
Senka Kurtovic, bosnische Journalistin

Herta Müller / Quelle: theafamouspeople.com

Die berühmte Schriftstellerin Herta Müller fasziniert bis heute mit ihren glutvollen Augen, ihrem rabenschwarzen Haar, den blutroten Lippen. Sie verströmt etwas Geheimnisvolles und Unantastbares. Und das kommt nicht von ungefähr, denn sie stand im Rumänien des Diktators Ceaucescu unter der ständigen Bedrohung des Geheimdienstes Securitate. Sie wusste, dass sie jeden Moment aus ihrer Wohnung zum Verhör gezerrt werden konnte. Was sie als Akt der Selbstbehauptung unternahm: Sie kleidete sich hübsch, legte ihr Make-up auf und wenn die Männer kamen, leistete sie stummen Widerstand durch ihr tadelloses Aussehen. Die Männer konnten sie abführen, sie konnten sie jedoch nicht brechen. 

Make-Up, und das macht dieses Buch deutlich, ist so viel mehr als nur Farbe im Gesicht, die schön auf Männer wirkt. Make-Up ist auch Rebellion, Ausdruck von Stolz, Würde und Selbstachtung der Frau.

Zoom: Blick zurück nach vorn

Frauen machen Karriere. Frauen werden Unternehmerinnen. Frauen haben Kinder und sind erfolgreich. Sie leisten viel, sie wollen viel. Aber wer wollen sie sein, was soll Schminke heute ausdrücken? Sex-Appeal (1950s), Übermacht (1980s) Natürlichkeit (1990s)?

Frauen begegnen Männern heute auf Augenhöhe. Sie wollen nicht mehr nur gefallen, sie wollen sie selbst sein. Verschönerung und Unterstreichung der Weiblichkeit als Sexsymbol gehören der Vergangenheit an. Farben sind heute Ausdruck des Selbst, ein „Ja!“ zur eigenen Schönheit jenseits der Norm.

Ein paar Labels sind entstanden, die den traditionellen Häusern wie Dior und Chanel zu verstehen geben: „Time to change.“ 

Rihannas Fenty Beauty hatte nicht umsonst so viel Erfolg: von der dunkelsten Hautschattierung über elfenbeinfarben bis zum hellsten Ton sind in 40 erhältlichen Nuancen alle Ethnien vertreten.  Die Welt brauchte solche Produkte. Und Rihanna gab den vielen Frauen auf der Welt eine Stimme, ein „Ja!“ zu sich selbst. Ihre Message ist ganz klar: Diversity und Inclusion für jeden Tag, für jede Frau. Ihre Pro Filt’r Reihe ist so viel mehr als nur Make-up: sie ist Politik.

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Quelle: fentybeauty.com
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Quelle: thefuss.co.uk

Aber auch hier in Deutschland gibt es ein Label, das die Dinge etwas anders macht:

Das deutsche Label Zoeva adressiert einen Typus Frau, der wagt. Das Label kreiert nicht Farben, die vordergründig hübsch machen, sondern Töne, die stark machen in Kollektionen, die zum Nachdenken anregen.

Zoeva „Premiere Collection“ / Quelle: zovacosmetics.com

Die Lidschatten-Palette „Screen Queen“ zelebriert die legendären Ikonen Traumfabrik Hollywood, während die „Premiere Collection“ eine Hommage an die Tänzerin Josephine Baker und die Schauspielerin Tallulah Bankhead ist.

 

Zwei Frauen, die zu ihrer Zeit aus bestehenden Klischees fielen: Baker als „Bronze Venus“, die die Welt der Revue und des Tanzes revolutionierte, den Charleston nach Europa brachte und später Aktivistin im Kampf gegen die Diskriminierung von Afroamerikanern wurde. Bankhead wiederum entsprang einer berühmten Politiker-Familie aus Alabama. Sie fiel aus der Rolle in dem sie Schauspielerin wurde, als Liberale die Bürgerrechtsbewegung unterstützte und sich dadurch in direkte Opposition zu ihrer konservativen Familie stellte.

Zwei Frauen also, die Klischees widerlegen und rassische (Baker) oder politisch-familiäre (Bankhead) Limitationen sprengten. Und gleichzeitig zwei Namen, die heutzutage so gar nicht  in den Köpfen der vorwiegend jugendlichen Käuferschaft herumspuken. Chapeau, Zoeva. Das ist Chuzpe.

„Ach was, das ist doch nur fein ausgeklügeltes Marketing“, werden einige sagen. Ich sage, dass es etwas ganz anderes meint: „Schaut nicht auf den neuesten Instagram-Post! Schaut viel weiter zurück. Schaut auf zu den Frauen, die sich trauten, anders zu sein. Schaut auf zu Euch selbst und holt Euch endlich Eure Würde und Euren Stolz zurück!“ 

Ob nun mutige Zeuginnen wie Dr. Christine Blasey Ford, die mächtige Regentin Elisabeth I. von England,  Schriftstellerin Herta Müller, Beauty-Aktivistin Rihanna oder Zoevas Huldigung von Josephine Baker und Tallulah Bankhead: hier sind Frauen die zeigen, dass es gut und richtig ist, in der hauptsächlich feindseligen Öffentlichkeit ganz sie selbst zu sein. Auch und gerade im Angesicht von Männern, die sie für schwach und unfähig halten. Das ist das wahre Empowerment.

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