Vom Geist der leblosen Dinge oder: Die Geschichte einer Bluse

Diese Geschichte ist keine alltägliche Geschichte. Es ist eine persönliche Geschichte.

Es gibt ein kleines Bild aus dem Besitz meiner Großmutter, dem nie viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Es ist ein Bild von einem Stück Stoff, das in einem von ihr selbst gefirnissten Rahmen eingefasst ist.

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Das von meiner Großmutter eingerahmte Stoffstück aus ihrer „griechischen Bluse“

Meine Großmutter hatte eine große Leidenschaft für alle schönen Dinge: antike Möbel, Porzellan, Bücher, Skulpturen und Gemälde. Das Bildchen ging in der Fülle ihrer liebevoll gepflegten Sammlung immer etwas unter.

Nach dem meine Eltern verstarben, ging es auf mich über. Als ich es an mich nahm, bemerkte ich zum ersten Mal, dass sich auf dessen Rückseite ein handschriftlicher Text meiner Großmutter befand. Ich gebe ihn hier unredigiert wieder:

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Originalhandschrift meiner Großmutter Irene auf der Bildrückseite

Gießen, den 20.07.1979

Diese Stickerei stammt aus meiner griechischen Bluse, sie hat sehr viel miterlebt.
1938 wurde sie mir von meinem lieben Mann, Prof. Dr. Hans Kuron aus Griechenland mitgebracht. 1943 wurden wir in Berlin, W.30 Münchener Straße, total ausgebombt. Sie blieb wie ein Wunder übrig.

Auch blieb sie mein Eigentum auf der Flucht vom Gut Schierwens in Pommern und Eberswalde. Als wir 1945 mit einem kleinen Köfferchen durch die Front in die Altmark flüchteten (Großmutter, Tochter Brigitte und ich), war sie mit dabei.

Ich trug sie, als ich meine Tochter Renate erwartete 1945. Als wir von Berlin 1949 ausgeflogen wurden nach dem Westen, lag sie im Textilkarton. Ich trug sie als ich meinen Sohn Hans-Christian 1950 erwartete.

Auch als mein Mann wieder Ordinarius war in Gießen, freute er sich oft an uns beiden. 1958 studierte Brigitte in Hamburg und sie trug sie, glücklich. Dann wechselte sie wieder die Besitzerin. Diesmal war es Tochter Renate, die sie plötzlich anhatte. Auch ihr Mann, der Tenor Dr. Hayashi, bewunderte sie darin.

Nun ist sie zerschlissen, aber die Erinnerungen von 40 Lebensjahren stecken darin.
Sie ist es wert, dass man die Stickerei einrahmt.

Irene Kuron

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Drei Generationen meiner Familie mütterlicherseits. V.l.n.r. im Uhrzeigersinn: Meine Urgroßmutter Elise, meine Großmutter Irene, meine Mutter Renate, mein Onkel Christian und meine Tante Brigitte. Mein Großvater ist nicht auf dem Bild vertreten, da er sich zum Zeitpunkt der Aufnahme noch in russischer Kriegsgefangenschaft befand.

 

Diese Geschichte berührt mich immer noch sehr. Und nun lebe ich in Berlin, der Stadt, in der meine Großeltern sehr glücklich waren. Mein Großvater war Professor für Bodenkunde und Bodenerhaltung und lebte dort glücklich mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter.

Der schreckliche Krieg machte dieser Idylle ein Ende. 

Ich finde es äußerst interessant zu beobachten, dass ein eigentlich profanes Ding – eine Bluse – die Geschichte einer gesamten Familie zu erzählen vermag. Es war in der Tat meine Großmutter, der es wichtig war, mir zu vermitteln, stets gut mit den toten wie den lebendigen Dingen – ob nun Menschen, Tiere, Antiquitäten, Essen oder Kleidung – umzugehen und deren Wert anzuerkennen. 

Was ich sagen möchte: tote, leblose Dinge sind nicht einfach nur „Dinge“. Wir leben, umgeben von so vielen von ihnen und beachten sie doch nie. Sie verdienen es, dass wir sie gut behandeln, damit wir lange eine Freude an ihnen haben. Im Fall der „griechischen Bluse“ meiner Großmutter reden wir von einer Zeitspanne von über 40 (!) Jahren. Fast ein ganzes Leben.

Was bedeutet dies im Zeitalter der Fast Fashion und der Wegwerfgesellschaft? Vielleicht regt dieser Text den ein oder anderen dazu an, etwas darüber zu reflektieren.

Nun sitze ich in Berlin und betrachte den eingerahmten Stoff der griechischen Bluse. Einer meiner nächsten Ausflüge wird mich nach Schöneberg führen, an den Ort, an dem ihre lange und ereignisreiche Familiengeschichte begann.

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3 Gedanken zu „Vom Geist der leblosen Dinge oder: Die Geschichte einer Bluse“

    1. Lieber Grüner Daumen, vielen lieben Dank für den Kommentar und für das ganz zauberhafte Eichendorff-Zitat. Diese Worte treffen den Geist der Geschichte sehr genau. Ihnen auch einen schönen Tag und viele herzliche Grüße aus Berlin! Yuki Hayashi

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